Internetsucht im Fokus

Ob Gaming, Online-Spielhallen, Pornographie oder Social Media: Das Internet lockt mit unzähligen Zerstreuungen. Das ist nicht ungefährlich, denn internetbasierte Verhaltensweisen können ein hohes Abhängigkeitspotenzial haben. Der Prozentsatz der User mit schädlichem oder pathologischem Internetkonsum steigt. Waren es 2015 noch etwa 1% der Bevölkerung, so sind es heute schätzungsweise bis zu 3%.

Dr. Kai Müller ist einer der wichtigsten deutschen Wissenschaftler im Bereich Spiel- und Internetsucht und leitet den Bereich Forschung und Diagnostik der Ambulanz für Spielsucht an der Klinik und der Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz und vertritt den Fachverband Medienabhängigkeit e.V. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit Persönlichkeitsdispositionen, die Verhaltenssüchte begünstigen, und dem Aufbau von Therapiemanualen zur Behandlung von Spiel- und Onlinesucht. Im Zuge einer kürzlich getroffenen Kooperation mit dem AMEOS Privatklinikum Bad Aussee spricht er zu diesem wichtigen Thema.

Wie brisant ist das Thema Internetsucht heutzutage? 

Internetbezogene Störungen nehmen seit 15 Jahren deutlich zu. Weltweit steigt die Zahl der Betroffenen und ihr Leidensdruck ist immens. Bei der Betrachtung dieses Phänomens ist eine gewisse Begriffsschärfe notwendig, denn häufig hört man in diesem Zusammenhang den Begriff „Medien“ oder „Medienabhängigkeit“. Medien umfassen aber strenggenommen auch Bücher, Zeitschriften oder den guten alten Walkman. Davon sind aber bis dato die wenigsten süchtig geworden. Daher bevorzuge ich die Begriffe Internetsucht oder internetbezogene Störung.

Die Diagnose „Gaming Disorder“ wurde seit kurzem in das ICD-11 aufgenommen. Nun umfasst Internetsucht aber nicht nur das Online-Spiel. Welche anderen Online-Verhaltensweisen sind potenziell suchtgefährdend?

Das ist korrekt, zwar ist die Online-Spielsucht sehr häufig, aber sie ist nicht das einzige Verhalten im Internet, welches in schädlichem Ausmaß ausgeführt wird. Zu nennen sind vor allem Pornographie und Online-Glücksspiel, aber auch der Konsum von Social-Media. Generell kann es bei allen Internettätigkeiten zu einer Vereinnahmung mit negativen Konsequenzen kommen. Doch neben dem Risiko einer Abhängigkeit birgt das Internet noch eine weitere Gefahr, die wir immer häufiger beobachten: Internet-User erleben vermehrt digitalen Stress. Es herrscht immenser Druck, immer up-to-date zu sein. Hier spielt auch die „fear of missing out“ eine Rolle. Diese Angst, etwas zu verpassen, führt manche User dazu, das Internet zu nutzen, obwohl es negative Gefühle auslöst. Das ist nicht suchtcharakteristisch! Wir haben es also mit mehreren Gesundheitsproblemen im Bereich der Digitalisierung zu tun.

Durch Ihre Arbeit in der Ambulanz für Spielsucht haben Sie viel Erfahrung aus der Praxis. Gibt es möglicherweise Persönlichkeitsdispositionen, die ein Risiko für Internetsucht darstellen?

Es gibt scheinbar bestimmte Persönlichkeitsfaktoren, die anfälliger für die Wirkungen des Internets machen. Ein Beispiel ist das persönliche Selbstwirksamkeitserleben. Viele Gaming-Süchtige haben die irrationale Überzeugung, nur im Online-Spiel Selbstwirksamkeit oder Selbstverwirklichung erreichen zu können. Hier bekommen sie den sozialen Zuspruch und Belohnungserfahrungen, die im realen Leben scheinbar nicht vorhanden sind. Hinzu kommt oft eine dispositionale Grundängstlichkeit. Viele Betroffene verdrängen oder internalisieren ihre Ängste in der realen Welt und kompensieren sie in ihrem Online-Verhalten.

Welche Folgestörungen und Komorbiditäten können bei Internetsucht auftreten?

Hier sind vor allem depressive Störungen zu nennen, aber auch Angststörungen sind häufig zu beobachten. Bei einer Untergruppe von Betroffenen herrscht zudem ein problematischer Konsum von Suchtmitteln, wie Cannabis oder Alkohol.

Welche Klientel begegnet Ihnen am häufigsten in Ihrer Ambulanz?

Circa 93% der Ratsuchenden sind männlich. Meistens kommen die Betroffenen aus eigenem Antrieb, was nicht zuletzt daran liegt, dass Internetsucht inzwischen wesentlich häufiger thematisiert und die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, erfreulicherweise geringer wird. Bei jüngeren Klienten sind es aber doch oft die Eltern, die die Behandlung initiieren.

Im Rahmen ihrer Arbeit zum Thema Internetsucht haben Sie auch das erste deutschsprachige Therapiemanual erstellt. Welche Bausteine sind in der stationären und ambulanten Therapie der Internetsucht essenziell?

Zum einen können prädisponierende Faktoren behandelt werden, wie zum Beispiel das Selbstwirksamkeitserleben, die Sozialkompetenz und die Stressbewältigung. Zum anderen werden störungsspezifische dysfunktionale Kognitionen thematisiert, so wie man es aus der kognitiven Verhaltenstherapie kennt. Natürlich kann das Ziel der Therapie keine komplette Internet-Abstinenz sein. Das ist einfach unrealistisch. Vielmehr soll ein selbstbestimmter und bewusster Umgang mit den kritischen Verhaltensweisen im Internet trainiert werden.

Nicht selten ist der Leidensdruck der Betroffenen in unserer Ambulanz so hoch, dass eine stationäre Therapie indiziert ist. Die Zusammenarbeit mit dem AMEOS Privatklinikum Bad Aussee bietet die Möglichkeit, eine stationäre Therapie zu entwickeln, die speziell auf das Phänomen Internetsucht zugeschnitten ist. Dabei sind besonders die Bereiche Natur- und Erlebnispädagogik und die Einzel- und Gruppenpsychotherapie mit systemischen, tiefenpsychologischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen von Bedeutung. Hier können die Betroffenen Selbstwirksamkeit außerhalb der Online-Welt erfahren. Die Verzahnung mit der Wissenschaft sorgt dafür, dass Therapieeffekte untersucht werden. Die Behandlung von Internetsucht wird durch die Kooperation evidenzbasierter und nachhaltiger werden.

Haben Sie zum Abschluss noch einen Rat für unsere Leserinnen und Leser, wie sie das eigene Internetverhalten unter die Lupe nehmen können?

Eine Möglichkeit, das eigene Internetverhalten kritisch zu beleuchten ist es, sich einmal zu fragen: Wie sah mein Leben vor einem Jahr aus? Gab es Dinge, die ich oft gemacht habe, heute aber aufgrund von Online-Aktivitäten vernachlässige? Ich empfehle außerdem dem Einsatz von Tracking-Apps und kleine Abstinenz-Experimente. Versuchen Sie doch mal, das Internet für ein paar Tage nicht zu Freizeitzwecken zu benutzen und schauen Sie, wie sie darauf reagieren offline zu sein.

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